Pastorin der Ausgestoßenen

Morgenandacht
Pastorin der Ausgestoßenen
12.06.2021 - 06:35
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Die Sendung zum Nachlesen: 

Autor:
Ihre Arme und ihr Dekolleté sind tätowiert. Sie benutzt dunklen Lippenstift, trägt eine dicke metallene Gürtelschnalle und hat ein Nasenpiercing. Wer Nadia Bolz-Weber sieht, der kommt wahrscheinlich nicht auf Anhieb drauf, was sie beruflich macht. Die 1,85 große Frau mit den grau-melierten, gegelten Haaren sieht aus wie die Sängerin einer Punkrock-Band. Aber sie ist... Pastorin. Und zwar in der evangelisch-lutherischen Kirche von Amerika. 
Ihre Gemeinde in Denver / Colorado trägt den Namen „Das Haus aller Sünder und Heiligen“. Darin gibt Bolz-Weber vor allem den Outsidern der Gesellschaft ein geistliches Zuhause: Ho-mosexuellen, Transsexuellen, Obdachlosen, Drogensüchtigen, Vorbestraften... Theologisch dreht sich bei der „Pfarrerin der Ausgestoßenen“, wie sie auch genannt wird, alles um die Gnade. Bolz-Weber sagt:

Sprecherin:
„Wir sind auf Gottes Gnade angewiesen. Natürlich hätten wir lieber, wir könnten uns selbst aus der Sünde befreien, indem wir Gutes tun. Aber das Evangelium sagt, dass nur die Gnade Gottes uns retten kann. Konservative Kirchen stellen moralische Verhaltensvorschriften auf, liberale formulieren Ansprüche an soziale Gerechtigkeit. Nichts von all dem kann uns befreien. 

Autor:
Die Pastorin weiß aus eigener Erfahrung, wie sich religiöser Konservativismus anfühlen kann. Ihre Eltern waren Mitglied der extrem konservativen „Church of Christ“. Entsprechend haben sie ihre Tochter erzogen. „Hart und fundamentalistisch“ – so beschreibt Bolz-Weber ihre Kind-heit. Die biblischen Gebote seien wortwörtlich verstanden worden und mussten 1:1 befolgt werden. Gnade war etwas, das man sich verdienen muss. Bolz-Weber scheitert an diesen ho-hen Moralvorstellungen. Irgendwann schmeißt sie ihr Studium hin, fängt an zu trinken und zu kiffen. 

Sprecherin:
„Ich war wie ein Kind, dem das Leben zu groß ist. Die Drogen haben mich fast umgebracht. Aber damals war die Vorstellung mit 30 tot zu sein, total in Ordnung für mich.“

Autor:
Auch wenn Bolz-Weber zu dieser Zeit der „Church of Christ“ längst den Rücken gekehrt und sich als Heidin bezeichnet hat - an Gott glaubte sie tief im Innern immer noch. Als ein Freund von ihr Selbstmord begeht, wird sie gefragt, ob sie die Trauerfeier leiten und dabei die Pre-digt halten kann. Bolz-Weber erinnert sich:

Sprecherin:
„Ich hab gedacht: Hey, das sind alles meine Leute und sie haben keinen Pastor. Vielleicht ist das jetzt gerade der Moment, in dem ich gerufen werde, Pastorin für diese Menschen zu sein.“

Autor:
Kurze Zeit später schreibt Bolz-Weber sich an einem lutherischen Seminar ein. Sie schließt das Studium ab und wird schließlich zur Pastorin ordiniert. Zu ihrem Bischof sagt sie: 

Sprecherin:
„Sie können mich in irgendeine Gemeinde auf dem Land oder in eine Vorstadt schicken, aber wir beide wissen, dass das nicht funktionieren würde. Also, wie siehts aus? Darf ich eine neue Gemeinde gründen?“

Autor:
Sie durfte. Es war das Haus alles Sünder und Heiligen. So beschreibt sich Bolz-Weber auch selbst: Als Sünderin und Heilige zur gleichen Zeit. Der Pastorin ist nicht egal, was Menschen tun. Für sie steht fest, dass es Sünde gibt. Aber Bolz-Weber dreht den Zusammenhang von gutem Handeln und der Gnade Gottes um. Ein ethisch-moralisch einwandfreies Verhalten ist für Bolz-Weber nicht die Voraussetzung für die Gnade Gottes, sondern deren Folge. Das Ver-trauen darauf, dass die eigenen Fehler und Unvollkommenheiten nicht das letzte Wort sind, gibt der Pastorin die Kraft und die Freiheit das zu tun, was sie tut. 

Sprecherin:
„Ich predige nicht darüber, was Menschen besser machen sollen. Ich predige Jesus. Darüber, was er gesagt und wie er gelebt hat.“

Autor:
In den Vereinigten Staaten ist Nadia Bolz-Weber mittlerweile fast so etwas wie ein Star. Sie schreibt Bücher, wird in Talkshows eingeladen und kann bei Gastvorträgen große Säle und Hal-len füllen. Auch ob sie nicht Bischöfin werden wolle, ist sie schon gefragt worden. Und hat abgelehnt. Sie möchte die Pastorin für ihre Leute bleiben.
 

Es gilt das gesprochene Wort.