Eine ziemlich schräge WG

Wort zum Tage
Eine ziemlich schräge WG
14.06.2021 - 06:20
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Jonas und Trixi, beide um die 30, schauen Netflix. Da sehen sie jemandem draußen im Hof mit einem altmodischen Fahrrad, das scheppert. Sie wundern sich, und schon klingelt es an der Tür. „Hallo, ich bin Jesus. Ich wohn jetzt hier“, sagt der Unbekannte. „Äh, Moment“, stottert Trixi, aber Jesus geht einfach rein. „Gästezimmer ist hinten links? Ah, ich seh schon... Ich bin dann mal im Bad, falls ihr mich sucht“. Und schon ist Jesus verschwunden. Von nun an wohnt er bei Trixi und Jonas. Genauso überraschend ist noch ein anderer Mitbe-wohner eingezogen: Martin. Der ruft schon mal morgens mit dunkler Stimme: „Was soll der scheiß Lärm um diese Uhrzeit? Habt ihr noch alle Bibeln im Regal?“ 
Eine ziemlich schräge WG ist das, von der das Buch „Jesus, die Milch ist alle“ erzählt. Jonas, der auch der Autor ist, stellt sich vor: Wie wäre das, wenn meine Freundin und ich heute mit Jesus und Martin Luther zusammen leben, eine WG bilden würden?
Das wäre erstmal Alltag: Jesus trinkt immer die Milch leer, kann Gedanken lesen und durch Türen gehen, was manchmal ziemlich nervt. Und Martin Luther sitzt morgens am Küchentisch, mit Bibel, Tablet, Notizzetteln und einem Glas Whiskey, schreibt Thesen und Briefe an den Papst. Und abends sitzen sie zusammen vor dem Bildschirm, gucken Serien, essen Pizza, Bur-ger und Süßkartoffelpommes. Jesus mag Pommes gern, Martin isst gerne Döner. Und natürlich hat Martin Luther einen Youtube-Kanal, Jesus twittert, und vor allem: Er will was Neues, ein neues Evangelium schreiben und macht sich auf seinem Smartphone dazu einige Sprachmemos.
Bei ihren Alltagsgesprächen kommen die Vier auch auf religiöse Themen: Über die Kirchen, und ob das alles so von Jesus und Gott geplant war. Was Jesus und Martin zum Klimawandel denken; da gehen die Meinungen ziemlich auseinander. Und warum Jesus immer so radikal ist, wenn Gott doch die Liebe ist. 
Man kann das Buch witzig oder banal finden. Aber die Idee, die darin steckt, überzeugt mich: Glaube lebt im Alltag. Und: Glaube ist vor allem: Mit Gott und anderen im Gespräch bleiben. Was „wahr“ ist, was mir von Gott über mein Leben einleuchtet, das fällt nicht vom Himmel – wie auch die Bibel nicht vom Himmel gefallen ist. Was mir von Gott über mein Leben ein-leuchtet, ergibt sich im äußeren und inneren Gespräch: mit Jesus von Nazareth, mit Martin Luther und anderen Glaubenden. Und natürlich auch mit dem Lebensmenschen an meiner Seite. Glaube ist immer auch gemeinsames Nachdenken, Fragen und Gespräch: Jesus, sag uns, was hat deine Botschaft mit unserem Leben zu tun?
 

Es gilt das gesprochene Wort.